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Zeugnis - ein Blatt Papier mit Nebenwirkungen

  • Autorenbild: Marlen Traeber
    Marlen Traeber
  • vor 5 Tagen
  • 1 Min. Lesezeit

Diese Woche ist wieder Zeugnistag. Ein Datum, das bei vielen sofort alte Gefühle wachruft. Wir erinnern uns noch gut daran: an das Warten, an den ersten Blick auf das Blatt Papier, an Stolz oder an das mulmige Gefühl im Bauch. Manche kamen selbstbewusst nach Hause, andere mit der leisen Hoffnung, dass niemand allzu genau hinschaut. Zeugnisse vergisst man nicht so leicht.


Heute sind viele von uns auf der anderen Seite. Als Eltern, Großeltern oder Wegbegleiter wünschen wir uns, dass Kinder gut durchs Leben kommen. Dass sie ihre Möglichkeiten entfalten, dass ihnen Türen offenstehen. Und natürlich spielen Leistungen dabei eine Rolle. Gleichzeitig bleibt die Frage: Wie gehen wir eigentlich gut mit Noten um – mit Lob, mit Enttäuschung, mit Erwartungen?


Ich erinnere mich an eine Saalwette bei „Wetten, dass..?“ vor vielen Jahren in Mainz. Gesucht wurden Lehrerinnen und Lehrer, die in genau dem Fach, das sie heute unterrichten, selbst einmal eine Fünf im Zeugnis hatten. Es waren nicht wahnsinnig viele – aber doch mehr, als ich erwartet hätte. Ein heiterer Moment, der bis heute nachwirkt. Denn er zeigte: Schulnoten erzählen eine Geschichte. Aber nie die ganze.


Zeugnisse messen Leistungen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie sagen nichts über Kreativität, Durchhaltevermögen, Mut oder darüber, wohin sich ein Mensch noch entwickeln wird. Und sie sagen nichts über den Wert eines Menschen.


Vielleicht hilft dieser Gedanke in diesen Tagen ein wenig – beim Anschauen der Zeugnisse, beim Reden darüber, beim Durchatmen. Denn nicht jede Fünf entscheidet über die Zukunft. Und ebenso wenig tut es eine Eins. Beides sind Momentaufnahmen. Das Leben schreibt meist deutlich längere und überraschendere Geschichten.


Verfasserin: Pfarrerin Martina Klein

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